Nationalism reloaded
Die „Timeline“ befasst sich mit dem Nationalismus in Deutschland und dem Prozess seiner Modernisierung in den Jahren von der Wiedervereinigung 1990 bis zum „Gedenkjahr” 2005. Mit Nationalismus meinen wir dabei keinesfalls lediglich eine etwa rechtsextreme Ideologie, sondern eine, die die gesamte Gesellschaft umfasst. Nationalisten sind alle Menschen, die “wir” sagen und damit nicht sich und ihre Freunde meinen, sondern gerne zugeben, sich “als Deutsche zu fühlen” und glauben, selbst wenn sie es nicht aussprechen würden, zu einem “Volk” zu gehören, das von anderen “Völkern” unterschieden ist und natürlicherweise danach strebe, sich zu einem Nationalstaat zusammenzuschließen. Diese Definition macht klar, dass das Jahr 1990 nicht der Startschuss für eine deutsche „Renationalisierung“ war, sondern dass der Nationalismus vielmehr eine dem Nationalstaat zugehörige Ideologie darstellt, die sich kontinuierlich reproduziert. Wie diese ist auch die „Aufarbeitung“ des Nationalsozialismus und die immer wiederkehrenden Relativierungsversuche der Shoa nach 1990 kein neues Phänomen. Dies zeigt schon allein der Historikerstreit der 80er Jahre. Mit der Wiedergewinnung der vollen Souveränität 1990 stellte sich in Deutschland jedoch eine Haltung ein, die die Strafe für die begangenen Verbrechen nun für abgesessen betrachtete. Ohne diese historische Zäsur ist die Entwicklung, welche die „Timeline“ aufzeigt, nur schwer vorstellbar. Die Arbeit wurde im Winter 2005/2006 abgeschlossen, so dass aktuellere Entwicklungen, wie zum Beispiel die Fußballweltmeisterschaft, die das im „Gedenkjahr 2005“ auf abstrakter Ebene in öffentlichen Debatten diskutierte und in einzelnen Gedenkzeremonien praktisch erprobte neue „Deutschsein“ erstmals massenhaft zur Anwendung kommen ließ, nicht mehr mit eingebunden werden konnten. In der Regel bestätigen spätere Entwicklungen aber den in der „Timeline“ dargestellten Prozess. Die Befreiung von einem imaginierten antinationalen Konsens und von der „Auschwitzkeule“ (Walser) ist in diesem Prozess von zentraler Bedeutung und erfährt ihre deutlichsten Zäsuren in Walsers Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche 1998, im Kosovokrieg 1999, in der Debatte um die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“, in den antisemitischen Kampagnen Möllemanns, der Zwangsarbeiterentschädigung 2000 und kulminiert in einer offensiven Geschichtspolitik vor allem im Jahr 2005 im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag des alliierten Sieges über Deutschland. Ausgangspunkt der Entwicklung war die Wiedervereinigung und die damit wiedergewonnene volle Souveränität des deutschen Staates. Die frühen 90er Jahre zeigen zunächst den Wandel von einem eher praktisch und rassistisch bestimmten Nationalismus, der die Menschen in Deutschland entweder dazu bewog Asylbewerberheime in Brand zu stecken oder im Gegenzug Standortpolitik zu betreiben und mittels Lichterketten ein Deutschlandbild fürs Ausland zu generieren, das liberal, friedliebend und sympathisch ist, bzw. per Asylgesetzgebung bzw. ihrer Abschaffung festzuklopfen, wer denn nun deutsch ist und wer nicht und wo und wie sich Menschen, die nicht dazu zählen, aufzuhalten haben. Symptomatisch für die Modernisierung des Nationalismus in Deutschland ist jedoch bezeichnenderweise nicht dieses Thema, sondern die Behandlung der Shoa und das Ersetzen der deutschen Schuld durch „Verantwortung“ vor dem Hintergrund der Geschichte. Während in den 60er Jahren der Politiker Franz-Josef Strauß noch forderte „Ein Volk, das diese wirtschaftliche Leistung vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu müssen“ und damit den klassischen „Schlussstrich“ zog, wurde bis 2005 immer deutlicher die Verbindung der Deutschen mit ihrer Geschichte hervorgehoben. Dieser Wandel wird in einer Reihe von Porträts dargestellt, die eine Art „Stille Post“ spielen und die mit Roland Koch enden, der 2005 die neue Doktrin formulierte: „Wer Auschwitz leugnet, leugnet gleichermaßen Deutscher zu sein.“ Die Porträts stellen zwar einzelne als Büste und in klassischer Herrscherpose dar, die Technik der Kaltnadelradierung ermöglicht jedoch eine beliebig häufige Reproduktion und weist darauf hin, dass die dargestellten Personen nicht alleine für den Wandel in der öffentlichen Debatte zu Auschwitz verantwortlich sind, sondern für einen gesamtgesellschaftlichen Prozess stehen. Kochs Äußerung scheint zunächst eine Kritik der Holocaustleugnung zu sein, in Wahrheit stellt sie jedoch die Weiterentwicklung der Instrumentalisierung und damit die Relativierung der Shoa dar. Während Joschka Fischer 1998 noch forderte, die „Serbische SS“ im Kosovo zu stoppen und Auschwitz als Argument für den ersten deutschen Angriffskrieg nach 1945 nutzte, ist die Geschichte der Shoa nun ganz Teil des deutschen Nationalbewusstseins. Durch das Bekenntnis zur Geschichte des Nationalsozialismus und der Vernichtung der europäischen Juden befreien sich die Deutschen von der angeblichen Bevormundung durch das Ausland und von der imaginierten antinationalen Lobby. Nur auf diese Weise funktioniert nach Roland Koch „Deutschsein“, doch in Wahrheit funktioniert es dadurch eben auch besser als irgendein anderer Nationalismus. Denn die Betonung, es werde kein Schlussstrich gezogen, sondern man sei sich (als Deutscher) der Verantwortung gegenüber der Welt vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte bewusst, bedeutet auch eine gewaltige Immunisierung gegenüber jedweder Kritik. Und: Je größer die Schuld, desto größer die Verantwortung.
Die „Timeline“ zeigt nicht eine lineare Entwicklung auf, sondern einen Prozess öffentlicher Debatten und Entwicklungen im Kulturbereich, (v.a. im Film und Ausstellungspraxis) und wie innerhalb dieses Prozesses historische Zäsuren zwischen 1990 und 2005 aufeinander aufbauen. Dies bringt eine gewisse subjektive Auswahl an „Fakten“ mit sich, ändert jedoch nichts an dem sich objektiv vollziehenden
Prozess. Die entstandene Vielschichtigkeit ermöglicht es den Betrachtern, auf verschiedenen Ebenen den Prozess der Modernisierung des Nationalismus nachzuvollziehen und Querverbindungen zu knüpfen. Innerhalb der verschiedenen Stränge wurde dies mit dem Mittel der Radierung, Collage und Rauminstallation realisiert. Dabei spielt in der Darstellung das Verhältnis von Bild und Text eine besondere Rolle.
Sie stellen ein gleichberechtigtes, dialogisches Verhältnis dar, stehen für sich, ergänzen jedoch auch das andere, ohne dabei hierarchisch Bilduntertitel oder verbildlichter Text zu sein. Da die „Timeline“ für die Ausstellung „La Normalidad“ in Buenos Aires im Frühjahr 2006 fertig gestellt wurde, war es gleichzeitig Ziel der Arbeit, Inhalte an ein Publikum zu vermitteln, welches nicht täglich die Entwicklungen
in Deutschland verfolgt, jedoch eine Diskussion um deutsche Errinnerungspolitik beobachtet. In der originalen Installation war der Text, der hier in einer gekürzten Version integriert ist, als Glossarbroschüre über Drahtseile mit den Bildern verbunden und damit beweglicher Teil. In der Installation in Buenos Aires war außerdem eine Collage von Alice Creischer integriert (siehe website), welche sich mit dem deutschen Nationalismus in der Kunst und ihren Ausstellungspraxen in Deutschland beschäftigt.
Die Timeline gibt es jetzt als Zine zum Mitnehmen. Bei Interesse bitte mail an